Traunsteiners Knabenkraut
Dactylorhiza traunsteineri
(SAUTER ex REICHENBACH) S(1962)


Bas.: Orchis traunsteineri SAUTER, Allg. Botanische Ztg. XX. 1. Beiblätter: 36.1837

Typus:

Österreich, Tirol, Moor am Schwarzsee bei Kitzbühel

Etymologie:
traunsteineri: benannt nach dem Kitzbüheler Apotheker und Botaniker Joseph TRAUNSTEINER (1798-1850), der die Art im Jahr 1830 entdeckte

D. traunsteineri aufblühend
Landkreis Miesbach, 23.06.2012
Beschreibung

Die Wuchshöhe dieses schlank wirkenden Knabenkrautes liegt zwischen 19 - 46 cm, im Mittel bei 28,9 cm ± 5,3 cm.
Im unteren Stängeldrittel befinden sich 3-4 (5) schmale, lineal-lanzettliche, ungefleckte oder gefleckte, gefaltete und zugespitzte Blätter, die steil aufwärts, oder schräg abstehend sind.
Der Stängel ist relativ dünn, meist markig, im oberen Bereich kantig und in der Regel rötlich überlaufen.
Ein markantes Merkmal dieser Art ist neben den schmalen Blättern vor allem auch der lockere, mit bis zu 20 relativ großen, hell purpurvioletten Blüten besetzte Blütenstand.
Vor allem die unteren, rot überlaufenen Tragblätter sind länger als die Blüten.
Die seitlichen Sepalen der Blüten sind schräg abstehend oder teilweise steil aufwärts gerichtet, mit nach außen gedrehten Innenseiten, das mittleres Sepal ist meist nach oben gekrümmt oder bildet mit den Petalen einen lockeren Helm.
Die hellpurpurne Lippe ist meist nur schwach dreiteilig, öfter auch ungeteilt, mit einem spitz ausgezogenen Mittellappen und weist in der Regel eine dunkelpurpurne Schleifenzeichnung auf.
Seitenlappen sind mehr oder weniger stark herabgeschlagen.
Die Lippenbreite beträgt 11,5 mm ± 1,3 mm, und ist somit nur wenig breiter als die D. majalis- Lippe, letztere kann aber auch deutlich kleiner sein.
Ein stetes Merkmal ist die Ausrichtung und Kegel-Form des langen Spornes, der an der Basis mit einem Durchmesser bis zu 3.5 mm relativ breit entspringt, horizontal bis abwärts gerichtet ist und mit einer stumpfen Spitze endet. Er ist länger als die Lippe und in etwa so lang wie der Fruchtknoten.

Variabilität:
Wuchshöhe, Blattfleckung und Blattform, Blütenfärbung und Malzeichnung auf der Lippe.


Habitus
Wolfratshausen, 15.06.2009
Blütezeit: (M 5) A 6- A 7, die "typische" D. traunsteineri blüht deutlich nach D. majalis und ca. 1 - 2 Wochen nach D. incarnata, in höheren Lagen teilweise bis in den August.
Unter "Problematik" wird das Thema noch einmal aufgegriffen.

Einzelblüte
Wolfratshausen, 15.06.2009

Verwechslung:
In ihren Lebensräumen kommen oftmals noch weitere Dactylorhiza- Arten vor, mit denen D. traunsteineri gern Hybriden bildet, die oft schwierig zu bestimmen sind.

Dactylorhiza majalis ist im Wuchs gedrungener, besitzt einen deutlich dickeren Stängel, breitere Blätter, kleinere Blüten und einen dichteren Blütenstand - Beginn der Blüte ca. 1 Monat früher.

Ausgesprochen schwierig kann die Unterscheidung zu D. lapponica sein. Jedoch besitzt diese ein kleines, zungenförmiges erstes Laubblatt, einen meist etwas hin und her gebogenen Stängel, dunkler gefärbte und kleinere Blüten und ist in allen Teilen etwas kleiner und gedrungener als D. traunsteineri.
Außerdem findet man D. lapponica eher an Kalktuff-bildenden Hangquellmooren, weniger in Streuwiesen und Niedermooren.

Orchis palustris:
ungefleckte Blätter, viel kürzere, hautartige Tragblätter, hellere Blüten mit verwaschener Punktzeichnung auf der Lippe, Sporn waagerecht bis aufwärts gerichtet, zylindrisch, nicht kegelförmig.

Lebensraum
600-2000 m, in Bayern bis zu 1400 m Höhe, meist auf basenreichen, kalkarmen bis leicht sauren Torfböden in Feucht- und Moorwiesen sowie Hangquellmooren. In kalkreichen Streuwiesen der Niedermoore ist sie seltener zu finden und besiedelt hier bevorzugt die sauereren Übergangszonen zu weiter fortgeschrittenen Moorbereichen (Übergangsmoore).
In ihrere Nähe findet sich meist die Weiße Waldhyazinthe (Platanthera bifolia), die Sumpf-Ständelwurz
(Epipactis palustris) sowie verschiedene Gymnadenia- und Dactylorhiza- Arten. Beim Auftreten letzterer kommt es häufig zu Hybriden.
Vor allem die Vorkommen in Streuwiesen sind auf eine einmalige jährliche Mahd angewiesen.


Ettal, 27.06.2004

Biotop bei Königsdorf/ Oberbayern, 16.06.2009

Exemplar mit abweichender Blütenzeichnung,
Wolfratshausen, 15.06.2009

Kleingewachsene, stämmige D. traunsteineri-Gruppe aus dem Murnauer Moos im Hochmoor am 20.06.1986
Foto: W. Dworschak

Kleinwüchsige stämmige Form aus dem Murnauer Moos auf Schwingrasen am 20.06.1986

Foto: W. Dworschak

Verbreitung
Das Gesamtareal ist nicht zur Gänze geklärt, was darin begründet ist, dass morphologisch nahe stehende Sippen mit Vorkommen außerhalb des Alpengebietes teilweise zu Traunsteiners Knabenkraut gestellt werden.
Noch ist trotz zahlreicher Untersuchungen noch nicht geklärt, ob die außeralpinen Sippen gleichen Ursprungs wie die alpinen D. traunsteineri sind, oder eine Parallelentwicklung. Hybridogene Einflüsse subatlantischer Arten wie D. sphagnicola wären auch im Rahmen des Denkbaren.
Sieht man von diesen Populationen, wie sie beipielsweise in den Nordvogesen und der Pfalz vorkommen, jedoch nur marginal von den alpinen Pflanzen abweichen (siehe unten), einmal ab, verbleiben sichere Nachweise von D. traunsteineri eigentlich nur vom Alpenraum.
Hier kommt sie hauptsächlich an der Alpennordseite und den vorgelagerten Naturräumen in Bayern, Österreich und der Schweiz vor, wo sie ausschließlich im Bereich der eiszeitlichen Vergletscherung, also nur innerhalb des Moränengürtels vorkommt.
Weitere Vorkommen sind aus südlicheren Alpenregionen Österreichs, Sloweniens, Norditaliens und Frankreichs bekannt.

Hinweis:
Im Gebirge treten mitunter isolierte Populationen mit ortstypischen, vom Typus etwas abweichenden Kennzeichen auf.

© AHO-Bayern e.V.

Verbreitung in Bayern / Gefährdung
Bayern bildet aufgrund der alpinen Naturräume im Süden den Verbreitungsschwerpunkt innerhalb Deutschlands.
Der allergrößte Teil der Vorkommen in Bayern befindet sich südlich des 48. Breitengrades im Alpenvorland und (subalpinen) Moorwiesen im Gebirge.
Das Traunsteiners Knabenkraut ist in seinen Biotopen zwar oftmals recht zahlreich vertreten, im Allgemeinen aber keine häufige Art!
Auf zu stark aufkommende Konkurrenz wegen ausbleibender Mahd, oder Pflege, reagiert sie recht empfindlich und verschwindet schnell.
Entwässerung und Nährstoff- (Stickstoff) Eintrag in ihre Lebensräume führen zu raschem Verschwinden, was nach wie vor zu Rückgängen dieser Art führt und sie als gefährdet (RL2) eingestuft werden muss.

Verbreitungskarte im PDF- Format

Biotop bei Wolfratshausen,15.06.2009

ab und an treten auch bogig abstehende Blätter auf;
Wolfratshausen, 15.06.2009

Einzelblüte mit einer juvenilen Dolomedes fimbriatus (Gebänderte Jagdspinne)
Wolfratshausen, 15.06.2009

Ettal, 27.06.2004

Blütenstandsausschnitt
Wolfratshausen, 15.06.2009

Habitus
Wolfratshausen, 09.06.2008

Einzelblüte
Wolfratshausen, 09.06.2008

Normalform von Dac. traunsteineri bei Obersöchering am 28.07.1984
Foto: W. Dworschak

Helle Form einer mittelgroßen, breitblättrigen Pflanze bei Grafenaschau am 14.06.2008
Foto: W. Dworschak

Robuste breitblättrige Pflanzen im Weilheimer Hardt am 17.06.1987
Foto: W. Dworschak
Problematik

Bei den vielfältigen Erscheinungsformen von Dactylorhiza traunsteineri fallen besonders die schon Mitte Mai blühenden, sehr kleinwüchsigen Exemplare auf. Sie können, wie oben erwähnt, verwechselt werden mit D. lapponica. Die augenblicklichen Funde erstrecken sich auf das Gebiet zwischen dem Allgäu und Oberbayern.
Als nächste prägnante Pflanze löst eine größere, stämmige, oft zu tausendenden blühende Pflanze die kleinere Form zwei bis drei Wochen später ab. Diese Dac. traunsteineri dürfte die Haupterscheinungsform an der Alpennordkante sein. An den meisten Hybriden mit anderen Orchideen dürfte diese Form beteiligt sein.
Zwischen der Schweiz und Oberbayern breiten sich große Gruppen von Dac. traunsteineri- Hybriden mit Dac. fuchsii aus. Diese Populationen sind nach unserem Wissen noch nicht miteinander verzahnt, neigen allerdings kaum zu stärkeren Verschmelzungen mit anderen Dactylorhiza-Arten. Diese Hybride ist zum Teil sehr stabil in ihrem Erscheinungsbild.
Einige Zeit danach zeigt sich die klassische Form von Dactylorhiza traunsteineri.

Es handelt sich hierbei um Beobachtungen, die untenstehend auch mit Aufnahmen dargelegt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass hybridogene Einflüsse anderer Arten, wie z.B. Dactylorhiza majalis, D. incarnata, D. fuchsii usw. eine Rolle spielen.
Biometrische Messungen allein führen bei solch variablen Sippen meist auch nicht zu befriedigenden und vor allem nachvollziehbaren Ergebnissen.
Außerdem fehlen schlicht Erkenntnisse über die Verbreitung dieser Erscheinungsformen.
Umso wichtiger und wünschenswerter ist es, dass bei der Kartierung dieser Art auf spezielle Merkmale wie Blattbreite und -Fleckung, Stängeldicke, Dichte des Blütenstandes und Blütezeit im Vergleich mit eventuell gemeinsam vorkommenden Arten verstärkt geachtet und die genauen Beobachtungen - nach Möglichkeit mit Bildmaterial - an die Kartierungsstellen weitergeleitet werden.

Frühblühende, kleinwüchsige Form:


Frühe kleine  Dac. traunsteineri bei Etting am 26.5.06
Foto: W. Dworschak

Eine der ersten Orchideen im Biotop 10.5.05
Foto: W. Dworschak

Blütenstand,
Etting bei Weilheim 26.05.2006
Foto: W. Dworschak

Blütenstand,
Etting bei Weilheim 15.05.2005
Foto: W. Dworschak

Blüten,
Oberammergau, 21.06.2009
Foto: W. Dworschak

Mittlerer Blühschub, stämmige, breitblättrige Form:


Habitus einer typischen Pflanze des mittleren Blühschubs am 20.06.2009
Foto: W. Dworschak

Blütenstand, Grasleiten am 20.06.2009
Foto: W. Dworschak

Gruppe von mittelgroßen, breitblättrigen Pflanzen bei Grafenaschau am 14.06.2008
Foto: W. Dworschak

Stabile Dactylorhiza traunsteineri-ähnliche Sippe, vermutlich hybridogenen Ursprungs aus Dactylorhiza fuchsii x D. traunsteineri s.str.


In ihrer Erscheinung gleichförmige, reiche Hybridpopulation bei Weilheim am 17.06.2009
Foto: W. Dworschak

Typische Form einer Dac. traunsteineri x fuchsii Hybride 17.06.2009
Foto: W. Dworschak

Weilheim am 17.06.2009
Foto: W. Dworschak

Typischer Blütenstand dieser Sippe
Weilheim, 17.06.2009
Foto: W. Dworschak

Typischer Blütenstand dieser Sippe
Weilheim, 17.06.2009

Foto: W. Dworschak

Teilweise können die Pflanzen relativ starke Stängel aufweisen, Weilheim, 17.06.2009
Foto: W. Dworschak

Starker Dac. fuchsii x traunsteineri Horst, Weilheim, 17.06.2009
Foto: W. Dworschak
Text und Abbildungen:
Uwe Grabner & Werner Dworschak

Literatur:

  • AHO-Bayern e.V. (2005) Orchideen in Bayern

  • ARBEITSKREISE HEIMISCHE ORCHIDEEN (2005) Die Orchideen Deutschlands: 348-353

  • DELFORGE, P. Orchids of Europe, North Africa and the Middle East 2005

  • ECCARIUS, WOLFGANG (2007) Zur Frage des Vorkommens von Dactylorhiza traunsteineri (SAUT.)SOÒ in Thüringen, Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. 24 (1): 6-23

  • KATTARI, S.G. (2004) Orchideen zwischen Chiemsee und Kaisergebirge, DIE ORCHIDEE 55 (6); [054-055],

  • PERKO, M.L. (2004) Die Orchideen Kärntens S. 116-117

  • PRESSER, H. (2000) Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen, Landsberg/Lech S.100-107

  • REINHARD, H.R., P. GÖLZ, R. PETER, H. WILDERMUTH (1991) Die Orchideen der Schweiz und angrenzender Gebiete S. 188-189

  • WOLF, C. (2000) Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. Beih. 5: 45-73; 2000 Jubiläumsschrift der 25-Jahr- Feier des AHO Bayern e.V.
    Lebensräume der Orchideen in den Waldgebieten Bayerns

  • WOLFF, P. (1998) Die hybridogenen Dactylorhiza-Formenschwärme in Mooren der Pfalz und der Nordvogesen, Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. 15 (1):63-78

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