Kugelknabenkraut, Rosa Kugelorchis
Traunsteinera globosa
(L.) REICHENBACH (1842)


Bas.: Orchis globosa LINNÈ, Syst. nat. ed. 10, 2: 1242. 1759

Lectotypus:

LINN 1054. 16. (BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ: 564, 664-665 1989), Herkunft: Schweiz
(LINNAEUS 1763: 1332)

Etymologie:
Traunsteinera: benannt nach dem Kitzbüheler Apotheker und Botaniker Joseph TRAUNSTEINER (1798-1850), der sich um die Kenntnis der Flora Nordosttirols verdient machte

globosa --> globosus: kugelförmig, rund - bezogen auf die Form der aufgeblühten Infloreszenz

Habitus - Bayern, Innerwald; 03.07.2009
Foto: F. Fraaß
Beschreibung

Meist einzeln stehend, hochwüchsig und schlank (bis 75 cm), Blätter über den Stängel verteilt, länglich lanzettlich, bläulichgrün gefärbt und ungefleckt.
Blütenstand dicht und vielblütig, in der Form kurz kegelförmig, voll erblüht eiförmig. Blüten klein, erst bei näherem Hinschauen differenzierbar, rosa, selten weiß.
Lippe dunkler rosa gepunktet, dreigeteilt mit länglichem, spitz zulaufendem Mittellappen.
Perigonblätter lang ausgezogen mit verdicktem, keulenartigem Ende, Petalen sind auf der Innenseite manchmal ebenfalls gepunktet.
Sporn ohne Nektar (Nektartäuschblume) schlank, kürzer als der halbe Fruchtknoten, abwärts gebogen.

Variabilität:
Wuchshöhe, Blütenfärbung (selten reinweiße Blüten) und Intensität und Anzahl der rosa- Punkte, die sich auch auf die Sepalen ausweiten können.

Blütenstand -
Österreich, Tirol, Nesselwängle; 20.07.2009

Foto: V. Dümichen
Blütezeit: M 6- E 7, in etwa mit Nigritella rhellicani


selten tritt die Kugelorchis auch in lockeren Grüppchen auf
Österreich, Salzburger Land, Schafberg; 26.06.2003
Foto: U.Grabner

Verwechslung:

In ihren Biotopen ist Traunsteinera globosa mit anderen Orchideen-Arten praktisch nicht zu verkennen.

Bei flüchtigem Hinsehen ist in dem, zur Blütezeit meist schon höher gewachsenem Gras unter Umständen eine Verwechslung mit Skabiose- Arten wie der Tauben-, oder der Glänzenden Skabiose denkbar.
Ein Blick auf die Blätter und den Blütenstand verschaffen einem aber schnell Gewissheit.

Lebensraum
In Bayern zwischen 700-2110 m Höhe, auf sonnigen, frischen bis feuchten, ungedüngten Bergwiesen der montanen Stufe und den alpinen Matten der subalpinen, seltener den Fels- und Geröllhalden der alpinen Stufe. Der Untergrund ist meist basenreich bis kalkhaltig, tiefgründig, seltener steinig.
Sehr selten "steigt" sie in Bayern auch auf die tieferen Lagen des Alpenvorlandes (700m) herab.
In ihrer Umgebung kommen oftmals weitere Orchideen-Arten vor. Exemplarisch sollen hier nur die Grüne Hohlzunge (Coeloglossum viride), das Schwarze, seltener auch das Rote Kohlröschen (Nigritella rhellicani und rubra), die Grüne Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) und die Alpen-, sowie die Wohlriechende Händelwurz (Gymnadenia alpina und odoratissima) vor. Ab und an ist das Kugelknabenkraut aber auch die einzige Orchidee im Biotop.


Biotop - Bayern, Innerwald, 03.07.2009
Foto: F. Fraaß


Blütenstand - Österreich, Tirol, Nesselwängle;
20.07.2009
Foto: V. Dümichen

Verbreitung
Das Gesamtareal dieser Art erstreckt sich von den Pyrenäen im Westen über das französische Zentralmassiv, die Vogesen und den Schwarzwald, die Alpen (Verbreitungsschwerpunkt) bis auf den Balkan und die Karpaten. Die östliche Verbreitungsgrenze auf dem Balkan ist noch nicht gesichert bekannt. Südlich gelangt die Art mit vereinzelten Vorkommen bis zu den italienischen Abruzzen, nördlich stellt das Erzgebirge die Verbreitungsgrenze dar.
Das Kugelknabenkraut ist eine Orchidee der Hoch-, seltener aber auch der Mittelgebirge.
In Deutschland konzentrieren sich ihre Vorkommen naturräumlich bedingt auf den Süden, genauer, den alpinen Bereich Bayerns. Vereinzelte Vorkommen existieren noch im Schwarzwald und der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg sowie Restvorkommen im Erzgebirge/Sachsen.
Während die alpinen Standorte recht stabil erscheinen, erlitten gerade die außeralpinen Populationen Deutschlands in den vergangenen Jahren erhebliche Rückgänge durch Intensivierung der Bergwiesennutzung und auch Immissionen aus der Luft (Erzgebirge).

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format

Verbreitung in Bayern / Gefährdung

Hauptsächlich im Gebirge verbreitet, sehr selten auch in den Streuwiesen des Alpenvorlandes vorkommend.
Kartierungsdaten innerhalb, vor allem aber auch außerhalb der Alpen wären sehr wünschenwert!
Traunsteinera globosa ist keine häufige Art, außerhalb der Alpen gilt sie als stark gefährdet (RL2).
Die stabilen und vermehrten Vorkommen im alpinen Raum Bayerns täuschen mitunter über diese Tatsache hinweg. Eine potentielle Gefährdung durch vermehrten Ski-Tourismus ist aber auch hier durchaus gegeben.
Außerhalb der Alpen wäre eine Unterschutzstellung der Biotope dringend anzuraten um die Artenvielfalt der Mittelgebirgs-Bergwiesen zu erhalten.


Eine Schwebfliege auf der Suche nach Nektar und somit potentieller Bestäuber -
Bayern, Innerwald, 03.07.2009
Foto: F. Fraaß


Habitus - Bayern, Innerwald, 03.07.2009
Foto: F. Fraaß
Besonderheiten:
Die Gattung Traunsteinera ist weltweit nur mit zwei Arten vertreten.
Während in den europäischen Gebirgen Traunsteinera globosa mit rosa gefärbten Blüten vorkommt, besitzt die zweite Art Traunsteinera sphaerica weiß gelbliche Blüten und kommt in den Ländern des Kaukasus und dem Pontusgebirge der Türkei vor.
Habituell gibt es keine Unterschiede zu "unserer" T. globosa. Der Hauptunterschied beschränkt sich auf die Färbung der Blüten.
Sehr selten kommen auch im alpinen Bereich reinweiße Exemplare vor, was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, da dieses Phänomen praktisch bei allen Orchideenarten auftreten kann (Albinismus) und keine weitere taxonomische Bedeutung hat.
Anders herum ist es aber doch sehr bemerkenswert. So gelang der Fund einer rosablühenden Einzelpflanze mit Saftmalen auf der Lippe, vergleichbar mit "unserer" globosa, inmitten einer weiß-gelblich blühenden, ungezeichneten sphaerica- Population in georgischen Klein-Kaukasus (HANSSON, S (2006). Pink Traunsteinera sphaerica found in Georgia (Caucasus); Jour. Eur. Orch. 38 (1). 29 - 31. 2006).
Der Art-Status der Traunsteinera sphaerica ist nicht zuletzt durch diesen Fund umstritten.

Blütenstand - Bayern, Innerwald, 03.07.2009
Foto: F. Fraaß

Blütenstandsausschnitt
Bayern, Feichten-Alm, 03.07.2009
Foto: F. Fraaß
Text:
Uwe Grabner

Literatur:

  • AHO-Bayern e.V. (2005) Orchideen in Bayern

  • ARBEITSKREISE HEIMISCHE ORCHIDEEN (2005) Die Orchideen Deutschlands: 348-353

  • DELFORGE, P. Orchids of Europe, North Africa and the Middle East 2005

  • HANSSON, S. Pink Traunsteinera sphaerica found in Georgia (Caucasus); Jour. Eur. Orch. 38 (1). 29 - 31. 2006

  • PRESSER, H. (2000) Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen, Landsberg/Lech S.100-107

  • REINHARD, H.R., P. GÖLZ, R. PETER, H. WILDERMUTH (1991) Die Orchideen der Schweiz und angrenzender Gebiete S. 188-189

  • WOLF, C. (2000) Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. Beih. 5: 45-73; 2000 Jubiläumsschrift der 25-Jahr- Feier des AHO Bayern e.V.
    Lebensräume der Orchideen in den Waldgebieten Bayerns

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