Sommerdrehwurz
Spiranthes aestivalis
(POIRET) RICHARD (1818)


Unterfamilie: Orchidoidae
Tribus: Cranichidae
Subtribus: Spiranthinae

Veröffentlicht in:
De orchideis europaeis annotationes, praesertim ad genera dilucindanda spectantes ... - Parisii.: 36. 1817

Basionym:
Ophrys aestivalis POIRET in LAMARCK Encycl. 4: 567. 1798

Lectotypus:

P.A. MICHELL, Nov. pl. gen.: 30, Tab. 26, Fig. D. 1729.
Herkunft: Italien, Toscana (BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ 2002. 199).

Blütezeit: A 7 - A 8

Abb. 1
Ausschnitt des Blütenstands, LKR Weilheim, 24.7.2011
Foto: Wolfgang HÖLL
Syn.
Ophrys aestivalis POIRET in LAMARCK
Etymologie:
aestivalis: bedeutet im Deutschen "sommerlich" und bezieht sich auf die Blütezeit, die deutlich vor der Herbst-Drehwurz (Spiranthes spiralis) liegt.

Beschreibung:

Sommerdrehwurzen sind recht unauffällige Pflanzen, die außerhalb der Blütezeit nur schwer entdeckt werden können. Das Wurzelrhizom weist zwei bis sechs rüben- bis spindelförmige, fünf bis acht Zentimeter lange Speicherwurzeln auf. Der hellgrüne Stengel erreicht eine Höhe zwischen etwa zehn und 30 Zentimetern. Er wächst aus einer Blattrosette aus drei bis fünf hellgrünen, fünf bis 14 Zentimeter langen, aufragenden Grundblättern heraus. Am Stengel befinden sich zwei bis drei kleinere Laubblätter. Am vier bis elf Zentimeter langen Blütenstand sitzen sechs bis 25 röhrenförmige, weiße Blüten. Die Blütenanordnung ist selten einseitswendig, häufiger jedoch korkenzieherartig um den Stängel gedreht (Herkunft der deutschen Pflanzennamen Drehwurz oder Wendelähre).

Die Blütezeit der Sommerdrehwurz beginnt in Südbayern Anfang Juli und reicht bis in die erste Augusthälfte. Als Bestäuber werden Hummeln, Bienen und Kleinschmetterlinge genannt.

Abb. 2
Gruppe, LKR Weilheim, 24.7.2011
Foto: Wolfgang HÖLL

Abb. 3
Blüten, LKR Rosenheim, 24.7.2010
Foto: Wolfgang HÖLL

Verwechslung:

Ähnlich ist vor allem die Herbstdrehwurz (Spiranthes spiralis). Sie blüht jedoch etwas später, in Südbayern etwa von der ersten Augusthälfte bis Mitte September und wächst in trockeneren Habitaten. Die Blüten der Herbstdrehwurz haben mehr grün- und cremefarbene Farbanteile, während Stängel und Blätter einen eher graugrünen Farbton aufweisen. Die Herbstdrehwurz weist darüber hinaus eine flache Rosette breiter Grundblätter neben dem Stängel auf, während die Sommerdrehwurz schmale, aufragende Grundblätter um den Stängel herum besitzt. Es gibt im Alpenvorland jedoch Biotope mit Hangquellmooren und angrenzenden Halbtrockenrasen auf denen beide Arten nahe beieinander vorkommen. Daher können auch Hybriden zwischen der Sommer- und der Herbstdrehwurz auftreten.

Das Kriechende Netzblatt (Goodyera repens) kann gelegentlich einen gewendelten Blütenstand aufweisen. Es wächst vor allem in Nadelwäldern und weist Grundrosetten mit kräftig grünen, breiten, netzartig gezeichneten Blättern auf.

Abb. 4
Blütenstand mit gewendelter Blütenstellung, LKR Weilheim, 24.7.2011
Foto: Wolfgang HÖLL

Abb. 5
Blütenstand mit einseitswendiger Blütenstellung, LKR Weilheim, 24.7.2011
Foto: Wolfgang HÖLL

Lebensraum

Die Sommerdrehwurz besiedelt in Südbayern vor allem kalkhaltige, nasse Flachmoore, Hangquellmoore und die Verlandungsmoore von Seen und Weihern. Der Wurzelraum der Pflanzen ist in diesen Habitaten während des ganzen Jahres kontinuierlich durchnässt.


Abb. 7
Gruppe, LKR Rosenheim, 24.7.2010
Foto: Wolfgang HÖLL

Abb. 6
Verlandungsmoor mit Vorkommen der Sommerdrehwurz, LKR Rosenheim, 24.7.2010
Foto: Wolfgang HÖLL

Abb. 8
Habitus, LKR Weilheim, 24.7.2011
Foto: Wolfgang HÖLL

Abb. 9
Hangquellmoor mit Vorkommen der Sommerdrehwurz, Frühlingsaspekt mit Mehlprimel und Stengellosem Enzian, LKR Weilheim, 22.4.2007
Foto: Wolfgang HÖLL

Verbreitung

Die Sommerdrehwurz ist vor allem im zentralen und westlichen Mittelmeerraum und im südlichen Mitteleuropa verbreitet. Im Norden wird Südengland erreicht. In Deutschland ist sie ausschließlich in der Südhälfte mit Schwerpunkt im Alpenvorland anzutreffen. In Hessen und Rheinland-Pfalz ist sie bereits ausgestorben. In Baden-Württemberg ist die Sommerdrehwurz als vom Aussterben bedroht eingestuft.

Verbreitung in Bayern/ Gefährdung (RL 2):

Die aktuellen Vorkommen in Bayern beschränken sich auf das voralpine Moor- und Hügelland auf bis zu 900 Meter Meereshöhe.

Die Sommerdrehwurz ist konkurrenzschwach und empfindlich gegenüber Verbrachung. Sie spricht auf geeignete Pflegemaßnahmen sehr gut an. Der AHO Bayern konnte einige Wuchsorte kaufen oder pachten. Nach der Aufnahme einer regelmäßigen Mahd der Flächen konnte des öfteren eine Vervielfachung des Pflanzenbestands beobachtet werden. Ludwig HINTERHOLZER berichtet diesbezüglich von einer Bestandszunahme von 31 auf 1400 blühende Pflanzen in einem Hangquellmoor innerhalb von nur drei Jahren. Die großflächige Mahd einiger Gebiete im südöstlichen Bayern hat inzwischen zu individuenstarken Populationen verholfen, so daß in Bayern der vermutlich weltweit größte Bestand der Sommerdrehwurz vorliegt.

Trotz dieser beachtlichen Erhaltungserfolge sind in Bayern insgesamt nur wenige Wuchsorte der Sommerdrehwurz vorhanden. Sie muss daher auch weiterhin als stark gefährdet betrachtet werden. Bayern hat eine sehr hohe Verantwortung für den Fortbestand der Art. Ihre Lebensräume sind mit dem erforderlichen hohen Wasserstand und vor Eutrophierung zu bewahren. Die Pflegemaßnahmen sollten jährlich, jedoch nicht vor Mitte September erfolgen.
© AHO-Bayern e.V.
Abb. 10
Verbreitungskarte im PDF- Format

Abb. 11
Blütenstand - 28.07.2004, Penzberg
Foto: Volker DUEMICHEN

Abb. 12
Hangquellmoor mit Vorkommen der Sommerdrehwurz,
LKR Starnberg, 19.7.2009
Foto: Wolfgang HÖLL

Wolfgang Höll

Literatur

  • AHO Bayern e.V. (2006), Orchideen in Bayern.
  • Arbeitskreise Heimische Orchideen (2005): Die Orchideen Deutschlands
  • BAUMANN H., KÜNKELE  S. (1982): Die wildwachsenden Orchideen Europas. Frankh.
  • HINTERHOLZER, L. (1989): Kurzer Lebenslauf einer Streuwiese. - Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid. 6 (1): 134-136.

Internetquellen

http://www.ageo.ch/index.php?page=g_2005_3

http://www.austrianorchids.org/osterreichs-orchideen-1/Osterreichs%20Orchideen.%20Systematik.pdf
http://www.lfu.bayern.de/natur/sap/arteninformationen/steckbrief/zeige/104246
http://www.crsf.ch/deu/fiches/pdf/spir_aest_d.pdf


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