Hummel-Ragwurz
Ophrys holoserica
(N.L. BURMAN) GREUTER (1967)


Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae

Veröffentlicht in:
Boissiera 13:185. 1967 ("holosericea")

Basionym:
Orchis holosericea N.L. BURMAN, Nova Acta Acad. Leop.-Carol. German. Nat. Cur. 4 (App.) : 237 (1770)

Synonym:
Ophrys fuciflora CRANTZ (1769)

Lectotypus:

HALLER, Hist. stirp. Helv.2: Tafel24, Fig. 1 1768. (CRIBB & WOOD 1981: 28). Herkunft: Schweiz, Umgebung von Bern, 17.05.1755, leg. A.v. HALLER
(
BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ, 1989: 419-420).

Etymologie:
holoserica leitet sich ab von lat. "holo"= ganz und "sericeus" = seidenhaarig, bezugnehmend auf die Behaarung der Lippe.


Andechs, 05.06.2009
Foto: Michaela Beitzinger
Beschreibung

Die Hummel-Ragwurz ist mit ihrer vielgestaltigen Perigonfärbung und Zeichnung der Lippe eine variable Orchidee.
Die Farbe der Sepalen und Petalen variiert von rosa bis weiß, in seltenen Fällen können sogar gelblich-grüne Farbtöne auftreten. Die beiden kurzen, leicht dreieckig geformten Petalen sind in Ihrer Farbe meist intensiver gefärbt als die der größeren Sepalen.
Die größte Variabilität weist jedoch die rötlich-braune Lippe auf.  Diese besitzt eine äußerst vielgestaltige Zeichnung. Im Zentrum liegt meist eine violett gefärbte H-Form, an die mehr oder weniger stark ausgeprägte gelben Zeichnungen anschließen. Ansonsten ist die Lippe samtig behaart und mehr oder weniger stark gehöckert. An ihrem seitlichen Rand ist sie flach ausgebreitet und besitzt an der Spitze ein deutliches, gelbes Anhängsel, was im Gegensatz zur Bienen-Ragwurz gerade vorgestreckt ist.

Blütezeit: A 5 - M 6


Tiefenhöchsstadt, 12.06.2009
Foto: Michaela Beitzinger
Bemerkenswert in Bayern ist das zum Teil recht weite zeitliche Blühfenster.
So konnten bereits Anfang Mai blühende Exemplare mit einem ausgesprochen hohen Anteil weißer Perigonblätter beobachtet werden.
Während Anfang Mai die ersten Exemplare zum Teil in Hochblüte standen, konnten zu dieser Zeit noch eine Vielzahl von Ophrys-Rosetten beobachtet werden, die, wie später ersichtlich wurde, auch zu Ophrys holoserica gehörten, jedoch erst Anfang Juni zur Blüte kamen.
Man konnte sich des Eindrucks zeitlich versetzter Blühschübe bei dieser Art nicht erwehren.
Weitere ähnliche Beobachtungen sollten bitte den Kartierungsstellen gemeldet werden.

Tiefenhöchsstadt, 12.06.2009
Der Bestäuber im Anflug - ein selten zu beobachtendes Schauspiel!
Foto: Michaela Beitzinger
Ophrys holoerica nutzt, wie alle Ragwurz-Arten (ausgenommen Ophrys apifera), einen besonderen Trick um ihre Bestäuber anzulocken. Hierzu werden die Insekten nicht wie bei anderen Pflanzen durch Nektar angelockt, sondern die Lippe der Ragwurzen erscheint dem männlichen Insekt (im Falle der Hummel-Ragwurz ist dies die Langhornbiene Eucera nigrescens und ihre nahe Verwandte Eucera longicornis (PAULUS 2010)) einer ganz bestimmten Bienenart wie ein paarungsbereites Weibchen. Während der Pseudokopulation berührt das Bienenmännchen mit dem Kopf die Basis der zwei gestielten Pollinien. Diese sind mit ausgezeichnet funktionierenden Klebscheiben ausgestattet, die sich augenblicklich mit dem Pollinium an das Insekt heften. Nach kurzer Zeit neigen sich die angehefteten Pollinien (wahrscheinlich wegen Feuchtigkeitsverlust aufgrund der nun fehlenden, schützenden Hülle) ein wenig abwärts. Beim Besuch der nächsten, oder auch derselben Blüte drückt dann das Bienenmännchen unabsichtlich die etwas abgesenkten Pollinien in die Narbenhöhle der Blüte und der Pollen gelangt auf die Narbe - die Bestäubung ist vollzogen.

Kissinger Heide, Juni 1955
Foto: H. Eisenbeiss

Kissinger Heide, Juni 1955
Foto: H. Eisenbeiss

Tiefenhöchsstadt, 12.06.2009
Eucera nigriscens bei der Pseudokopulation
Foto: Michaela Beitzinger

Verwechslung:
Eine Verwechslung der Hummel-Ragwurz ist unter Umständen mit anderen Ragwurzarten möglich. Wegen der Blütenfarbe vor allem mit der Bienen-Ragwurz. Diese besitzt jedoch eine schmalere Lippe mit einem nach hinten gebogenen Anhängsel. Darüber hinaus liegt ihre Blütezeit etwa zwei Wochen hinter der der Hummel-Ragwurz. In den seltenen Fällen einer grünlichen Perigonfärbung ist auch eine Verwechslung mit der Spinnenragwurz möglich. Diese besitzt jedoch nur ein winziges, kaum sichtbares Anhängsel und hat deutlich längere Petalen. Die Blütezeit der Spinnen-Ragwurz liegt in den meisten Vorkommensgebieten deutlich vor der der Hummel-Ragwurz.
Hybriden mit anderen Ragwurzarten sind ebenfalls möglich. Diese weisen dann Merkmale beider Arten auf bzw. die Blütenform liegt in ihrer Ausprägung zwischen beiden Elternarten.

Lebensraum

Typische Lebensräume dieser seltenen Art sind meist durch menschliche Nutzung und Bewirtschaftung entstandene Trockenbiotope über Kalk.
So können das vor allem sogenannte Orchideen-Halbtrockenrasen (Kalk-Magerwiesen), wechselfeuchte, flussbegleitende Brennen, Wacholderheiden und Magerböschungen mit Halbtrockenrasen-Charakter (Flussdämme, Umfassungswälle von Burgen, Schlössern usw.) sein, die sich durch eine hohe Artenvielfalt auszeichnen. Kennzeichnende Gräser dieser wertvollen Biotope sind vor allem die Aufrechte Trespe (Bromus erectus) und das Zittergras (Briza media).
Weitere begleitende Arten neben vielen Orchideenarten wie dem Helm-, und Brand-Knabenkraut sind zum Beispiel die Gewöhnliche Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris), Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias) und verschiedenen Enzian-, Klappertopf- und Sommerwurz-Arten.
Die Hummel-Ragwurz ist somit ein Anzeiger ökologisch bedeutsamer Lebensräume, die neben, mittlerweise meist sehr seltenen Pflanzenarten, auch letzte Rückzugsareale für viele Insekten, Spinnen und Vögeln darstellen.


Flussbrenne an der Donau bei Neuburg, 22.06.2009
Foto: Michaela Beitzinger

Habitus
Augsburg, 13.06.2010
Foto: U. Grabner
ein klassischer Sekundärbiotop mit Trockenrasen-Charakter: Damm entlang des Lechs
Augsburg, 13.06.2010
Foto: U. Grabner
Verbreitung

Die Hummel-Ragwurz ist in Süd- und Mitteleuropa verbreitet und erreicht ihre Höhengrenze bei maximal 1500 m. In Deutschland liegt Ihr Verbreitungsschwerpunkt in Südwest Deutschland.
Wie weit das Areal der Ophrys holoserica über mitteleuropäische Grenzen hinaus tatsächlich reicht, lässt sich momentan nicht genau sagen. Vor allem im südlichen Europa stellte sich in den letzten Jahrzehnten mit wachsender Kenntnis der Orchideenvielfalt heraus, dass viele Sippen von der mitteleuropäischen holoserica verschieden sind und zum Teil als neue Arten und Unterarten beschrieben wurden und wohl noch einige Sippen auf ihre Beschreibung "warten".

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format

Verbreitung in Bayern und Gefährdung

In Bayern liegen ihre Verbreitungsschwerpunkte entlang der Donau und dem Lech. Es sind aber auch einzelne Standorte in Nordbayern und Unterfranken bekannt.
Die Hummel-Rragwurz ist wie alle Orchideen vor allem durch den Verlust ihrer Biotope gefährdet.
Der immer weiter fortschreitende Rückgang traditioneller, nach heutigen Maßstäben kaum profitabler Nutzung der Flächen, vor allem durch Wanderschäferei, und der damit oftmals einhergehenden kompletten Aufgabe jeglicher Nutzung dieser Trockenbiotope führt in sehr kurzer Zeit zur Verbuschung und letztlich Verlust dieser Lebensräume.
Das Fehlen der Nutzung muss dann durch eine einmalige jährliche Mahd im Herbst wieder ausgeglichen werden, um das Eindringen von Gehölzen zu verhindern.

In Deutschland und Bayern steht sie auf der Roten Liste mit dem Rang 2 (stark gefährdet).


Kissinger Heide, Datum leider unbekannt
Foto: H. Eisenbeiss

Kissinger Heide, Datum leider unbekannt
Foto: H. Eisenbeiss

Augsburg, 13.06.2010
Foto: U. Grabner


Augsburg, 20.06.2010
Foto: H. Hoffmann


letzte Blüte mit einer etwas abweichend ausgebildeten Lippenform

Andechs, 05.06.2009
Foto: Michaela Beitzinger

Augsburg, 20.06.2010
Foto: H. Hoffmann

Augsburg, 13.06.2010
Foto: U. Grabner

Augsburg, 20.06.2010
Foto: H. Hoffmann

Augsburg, 13.06.2010
Foto: H. Hoffmann


Augsburg, 02.06.2014
besonders attraktive und extrem seltene Farbvariante
Foto: H. Hoffmann


Augsburg, 02.06.2014
Foto: H. Hoffmann

Michaela Beitzinger
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