Violette Ständelwurz
Epipactis purpurata
G. E. SMITH (1828)


Unterfamilie: Epidendrioideae
Tribus: Neottieae
Subtribus: -
Blütezeit: E 7 - E 8
Syn.
Epipactis viridiflora HOFFMANN ex KROCKER (1814)
Die Violette Ständelwurz bildet das Schlusslicht in der Blühfolge unserer heimischen Waldorchideen. Obwohl sie zu einer der stattlichsten und attraktivsten Ständelwurzarten zählt, wird sie aufgrund ihrer späten Blütezeit und ihrer „verborgenen“ Lebensweise in dunklen Wäldern gerne übersehen.

Beschreibung

25-70cm hohe Pflanze mit 4-10 waagrecht abstehenden, relativ kurzen und schmalen Blättern, die ebenso wie der kräftige Stängel stark violett überlaufen sind (Name!). Oft wachsen aus dem verzweigten Rhizom mehrere (bis zu 20) dicht stehende Triebe. Solche attraktiven Gruppenbildungen sind sehr typisch für die Art.
Der langgestreckte Blütenstand ist reich- und dichtblütig. Dadurch wirkt die Pflanze „kopflastig“. Insbesonders knospende Exemplare hängen kopfüber nach unten und richten sich erst mit Blühbeginn allmählich auf.
Die Blüten sind stets weit geöffnet. Auffällig ist die relativ große seidig glänzende Lippe (8-12mm). Deren Hypochil ist halbkugelig geformt und nektarführend. Die Vorderlippe ist herzförmig, leicht rosa gefärbt und die Spitze meist zurückgebogen. Die Blütenhüllblätter sind  weit gespreizt und hellgrün gefärbt.
Die Blütezeit erstreckt sich von Ende Juli bis Ende August.

Blütenstandsausschnitt - 02.08.2009, Burglesau (Nördl. Frankenalb)
Foto: S. Lang

Verwechslung:
Aufgrund ihrer späten Blütezeit kann sie kaum mit anderen Orchideen verwechselt werden, allenfalls mit spätblühenden Exemplaren der Breitblättrigen Ständelwurz. Diese ist jedoch nicht violett überlaufen und wächst nur selten im gleichen Biotop. Probleme gibt es nur mit Hybridformen zwischen Violetter und Breitblättriger Ständelwurz., die aber ziemlich selten sind.

Austreibende Pflanzen sind stark violett überlaufen. Die Überfärbung schwächt sich während der Blühphase allmählich ab - 12.07.2009, Schönfeld (Nördl. Frankenalb)
Foto: S. Lang
Nicht selten trifft man Epipactis purpurata in stattlichen Gruppen, sogenannten Horsten an - 02.08.2009, Burglesau (Nördl. Franken-alb)
Foto: S. Lang

Lebensraum

Schattige, unterwuchsarme bis krautreiche Laub- oder Nadelmischwälder. Die Pflanze wächst auf frischen und tiefgründigen, nährstoff- und basenreichen Ton- und Lehmböden. In Nordbayern finden sich die individuenreichsten Bestände vornehmlich über dem Quellhorizont geologischer Schichtgrenzen (in der Nördlichen Frankenalb fast ausschließlich auf Ornatenton).

Typischer Biotop der Violetten Ständelwurz - 02.08.2009, Burglesau (Nördl. Frankenalb)
Fotos: S. Lang
20.07.2003 Würmtal Lkr. Starnberg
Foto: U. Grabner

Foto: F. Fraaß
Wespen erweisen sich als sehr effektive Bestäuber - wahrscheinlich aufgrund der wohlschmeckenden und etwas gärigen Belohnung im Hypochil (schüsselförmige Hinterlippe).
Angelockt werden Sie jedoch mittels eines sehr raffinierten Tricks seitens der Orchidee.
Wie von J. Brodmann und M. Ayasse an der Breitblättrigen Ständelwurz nachgewiesen, verströmt offenbar auch die Violette Ständelwurz ein Duftbukett, was den Duft einer verletzten Pflanze, beispielsweise nach einem Raupenbefall, sehr nahe kommt.
In der Hoffnung auf "fette" Raupenbeute für den Nachwuchs fliegen hauptsächlich Wespen diese Ständelwurz an.
Anstatt der Raupen finden die Wespen den süßen Nektar in der Schüssel der Hinterlippe, der zudem, vor allem bei warmer Witterung und etwas älteren Blüten, etwas gärig ist, sodass die Wespen ab und an schon einmal einen etwas angetrunkenen Eindruck machen können.
Der in der Regel recht hohe Fruchtansatz deutet auf die hohe Effektivität dieses Täuschmanövers hin.
austreibende Ep. purpurata - Reuth, 08.07.2007
Foto: A. Riechelmann
Blüten frontal -Neuses, 26.07.2008
Foto: A. Riechelmann
Fruchtstand Reuth, 15.10.2006
Foto: A. Riechelmann

Verbreitung
Das Verbreitungsareal liegt schwerpunktmäßig in der temperaten Zone West- und Mitteleuropas.
Ihre Vorkommen erstrecken sich von Portugal ostwärts bis Sibirien, südlich bis Nord- Italien, dem nördlichen Balkangebiet und Süd- Rumänien.
Nordwärts erreicht sie Dänemark und Süd-England.

© AHO-Bayern e.V.

Verbreitung in Bayern:
Die Art ist in Bayern lückenhaft verbreitet. Verbreitungsschwerpunkte sind Rhön, fränkisches Keuper- und Liasland, Obermaingebiet, Frankenalb, Alpenvorland.

Gefährdung:
Noch vor einigen Jahren galt die Violette Ständelwurz als eine seltene Orchidee in Nordbayern. In den letzten Jahren wurden durch intensive Kartierungsarbeit etliche neue Standorte der Art entdeckt. So konnte sie u.a. auch im nordwestlichen Oberfranken im Steigerwald und Obermaingebiet an mehreren Standorten erstmals nachgewiesen werden. Aufgrund der Erkenntnis, dass die Art nicht unbedingt an Kalk gebunden ist, ist für die Zukunft mit weiteren Neufunden zu rechnen.
Die Art ist nur durch waldbauliche Maßnahmen (Kahlschlag) potentiell gefährdet.

Verbreitungskarte im PDF- Format

Selten kommen auch Populationen mit Pflanzen vor, bei denen durch eine genetische Veränderung die roten Farbstoffe komplett fehlen, sodass die Pflanzen keinerlei Rottöne in allen Pflanzenteilen aufweisen (lusus chlorophylla).
Andersherum geht es aber auch. Ebenso selten, wie im hier beschriebenen Fall, gibt es im gesamten Verbreitungsgebiet immer wieder Vorkommen von Einzelpflanzen, denen das Chlorophyll fehlt und die Pflanzen dadurch fast unwirklich rosa erscheinen.
Hier Aufnahmen der grünen Form aus der Fränkischen Schweiz.
10. 08. 2005
Foto: U. Grabner
26.07.2008 Neuses
Foto: A. Riechelmann
26.07.2008 Neuses
Foto: A. Riechelmann

Stephan Lang

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