Fleischfarbenes Knabenkraut
Dactylorhiza incarnata
(L.) S ssp. incarnata


Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae
Blütezeit: E 5 - E 6
(A7 im Gebirge)
Beschreibung

Wuchshöhe 20 - 50cm, Habitus schlank, Stängel dick und hohl, Blätter ungefleckt, lang, bis an den Blütenstand reichend, an der Basis stängelumfassend und an den Enden kapuzenförmig eingezogen.
Blütenstand dicht eiförmig bei kleinen Pflanzen, lang zylindrisch bei hochwüchsigen Exemplaren.
Tragblätter deutlich länger als Blüten, aufwärts gerichtet und leicht rötlich überlaufen.
Blüten klein, weißlich rosa bis kräftig purpur gefärbt, selten auch reinweiß.
Lippe klein und rhombisch, nur undeutlich dreigeteilt mit etwas vorgezogenem Mittellappen, gezeichnet mit feiner, aber scharfer Strich und Punktzeichnung.
Diese Zeichnung ist bei dieser Art auffallend konstant und setzt sich aus Strichen und Punkten auf dem Lippenzentrum und einer feinen, aber scharfen Umrahmung der zentralen Punktzeichnung zusammen.
Diese Umrahmung verläuft von den Seiten des Sporneingangs schmal oval zum vorgezogenen Mittellappen und schließt sich dort.
Sie verleiht den Blüten einen großen Teil der incarnata- Charakteristik.
Seitliche Sepala meist steil aufwärts gerichtet mit nach außen gedrehten Innenseiten, selten seitwärts orientiert.

Variabilität:
Wuchshöhe, Blütenfärbung und zum Teil Blattfleckung (!) (siehe Besonderheiten).

Blütenstand - Murnau 05.06.2004 Foto: U. G.

Verwechslung:
Wo man das Fleischfarbene Knabenkraut findet, ist meist das Breitblättrige (Dactylorhiza majalis) nicht weit.
Von diesem lässt es sich anhand der ungefleckten, helleren und mehr am Stängel orientierten Blätter sowie den kleineren Blüten mit der angesprochenen, kaum geteilten Lippe unterscheiden.
Das Breitblättrige Knabenkraut blüht etwa 2 Wochen vor dem Fleischfarbenen.

Vor allem in Südbayern kommt neben ssp. incarnata oft auch die ca. 2 Wochen später blühende ssp. serotina in den Biotopen vor. Diese besitzt einen zierlicheren Wuchs und einen, im Verhältnis zur Wuchshöhe, kürzeren Blütenstand mit etwas kleineren Blüten. Teilweise ist eine sichere Unterscheidung nur sehr schwer möglich, vor allem bei etwas schwach ausgeprägten Vertretern der ssp. incarnata, jedoch steht ssp. serotina in Hochblüte wenn ssp. incarnata bereits abblüht.

Noch schwieriger wird es mit Hybriden weiterer Dactylorhiza- Sippen.
Die Blätter können oftmals immer noch ungefleckt sein, jedoch machen sich bei genauem Hinsehen Merkmale der anderen Sippen in den Blüten bemerkbar, beispielsweise durch breitere, tiefer eingeschnittene Lippen mit gröberer Zeichnung und seitlich abstehenden Sepala.

Habitus von Exemplaren mit durchschittlicher Wuchshöhe - Geretsried 02.06.2009 Foto: U. G.

Lebensraum
Nachdem die natürlichen Lebensräume, beispielsweise Quell- und Durchflutungsmoore, dieser Art aufgrund menschlicher Einflüsse immer rarer wurden, ist sie heute hauptsächlich auf den artenreichen Streuwiesen der Niedermoore zu finden. Hier steht sie vollsonnig auf feuchtem bis nassem Untergrund, der von schwachsauer bis schwach kalkhaltig bzw. basenreich variieren kann.
Begleitende Pflanzen sind z.B. Mehlpriemel, verschiedene Enzianarten, Sibirische Schwertlilie oder auch das Sumpf-Läusekraut.
Als begleitende Orchideenarten sind das Breitblättrige Knabenkraut, Zweiblättrige Waldhyazinthe, verschiedene Händelwurzarten und seltener auch das Torf-Glanzkraut zu nennen.

Gepflegte Streuwiese in einem Kalkflachmoor bei Geretsried, links mit dem Baumweißling als Besucher, rechts fungiert die Honigbiene bei ihrer vergeblichen Suche nach Nektar als Bestäuber.
Der Wasserhaushalt diese Moores könnte durch geplante Baumaßnahmen eines gigantischen Luxus- Spaßbades mit Zugriff auf die natürlichen Wasserressourcen der Umgebung gefährdet sein! zur Pressemitteilung des Bund Naturschutz
02.06.2009
Fotos: U. Grabner
stattliches Exemplar aus einem Verlandungsmoor - Chiemsee - 12.06.2004 Foto: Katja Grabner
Pflanze von einem subalpinen Standort; Höhe 1180m Nussdorf, 01.07.2006
Foto: U. G.
Einzelblüten einer "normal"-gefärbten D. incarnata - Geretsried, 27.05.2008 Foto: U. G.

Verbreitung
Das Gesamtverbreitungsgebiet dieser feuchteliebenden Art erstreckt sich oberhalb des 43. Breitengrades (in etwas Höhe Norditalien/ Südfrankreich) praktisch über ganz Europa, nordwärts fast bis zum Nordkap.
Die südlichsten Vorkommen liegen am Schwarzen Meer im Vorderasiatischen Anatolien. Die östliche Verbreitung über die Staaten der GUS erreicht in etwas das Gebiet um Yakutsk, östlich des Baikalsees.

© AHO-Bayern e.V.

Verbreitung in Bayern / Gefährdung
Bayern besitzt neben Baden-Württemberg, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wohl noch die größten Vorkommen des Fleischfarbenen Knabenkrautes.
In den einmahdigen Streuwiesen ist sie vor allem in Südbayern noch relativ häufig anzutreffen und bildet hier aufgrund der noch hohen Feuchtgebietsdichte im Alpenvorland und der Alpen den Verbreitungsschwerpunkt.

Entfällt jedoch die schonende Art der landwirtschaftlichen Nutzung von Niedermooren als Streuwiesen und der damit einhergehenden herbstlichen Mahd oder wird sie durch mehrfaches Mähen oder gar Düngen intensiviert, verschwindet dieses schöne Knabenkraut umgehend.

Trockenlegung der Niedermoore, Umwandlung der Streuwiesen in Feuchtwiesen zur Futtergewinnung oder Brachlassen, stellen wohl die Hauptgefährdung dieser Art neben vielen weiteren typischen, oftmals sehr seltenen Streuwiesen- Arten dar.

Verbreitungskarte im PDF- Format

Besonderheiten

Die Blütenfärbung unterliegt beim Fleischfarbenen Knabenkraut einer erstaunlichen Variabilität.
Der "Normalfall" einer typischen D. incarnata in Bayern ist wohl als "dunkel-fleischfarben" zu bezeichnen.
Ab und an treten Populationen auf, in denen immer wieder fast reinweiß blühende Pflanzen zu beobachten sind, die sich teilweise nur schwer vom Strohgelben Knabenkraut (Dactylorhiza ochroleuca) unterscheiden lassen.
Meist jedoch ist bei den weißen Blüten doch noch eine leichte rosafarbene Lippenzeichnung erkennbar und wenn nicht, so sind zumindest die Pollinien meist noch rötlich - bei D. ochroleuca sind sie gelb. Außerdem blüht das Strohgelbe Knabenkraut ca. 2 Wochen nach dem Fleischfarbenen.
Bemerkenswerterweise scheinen die weißblütigen Pflanzen bevorzugt etwas feuchter als die Normalform zu stehen, vergleichbar wiederum in etwa mit D. ochroleuca. Bei Veränderungen im Wasserhaushalt reagieren die weißblütigen Pflanzen sehr empfindlich und verschwinden dann relativ schnell (W. Dworschak mündl.).
Dann wieder gibt es Populationen deren Blüten weißlich rosa, oder fleischig-rosa sind. Diese Phänomene sind über das gesamte Verbreitungsareal zu beobachten.
Bestäubt wird D. incarnata von einer Viehlzahl Insekten - in erster Linie von Bienen (siehe oben) und Hummeln, aber auch von Fliegen, oder Käfern.


"normal"-gefärbte D. incarnata - Chiemsee, 20.06.2004 Foto: U. G.
weißlich-rosa gefärbte D. incarnata - Wolfratshausen, 23.05.2009 Foto: U. G.
weiß gefärbte D. incarnata - Etting, 08.06.2003 Foto: U. G.
Eine weitere Besonderheit, die einer Erwähnung bedarf, ist das teilweise Auftreten von Pflanzen mit gefleckten Blättern, die dann auch noch beidseitig ausgeprägt sein kann, ähnlich denen des Blutroten Knabenkrautes - Dactylorhiza cruenta.
Ausgerechnet die Ungeflecktheit gilt eigentlich als eines der prägnantesten Merkmale dieser Art.
Vor allem im Alpenvorland ist dieses Phänomen der Blattfleckung aber gar nicht so selten zu beobachten und der Verdacht liegt nahe, dass es mehr als die bisher bekannten Vorkommen von gefleckten Pflanzen gibt, die in der Vergangenheit vielleicht einfach übersehen wurden.
Bemerkenswerterweise tritt diese ein- oder beidseitige Blattfleckung offenbar auch bei der Unterart serotina auf!
In der Vergangenheit wurden diese Pflanzen - egal ob bei ssp. incarnata oder ssp. serotina - als ssp. hyphaematodes kartiert, wobei festgestellt werden muss, dass sich die Pflanzen der Vorkommen aus den Flussbereichen der Amper und Donau in Blütezeit, Intensität und Ausbildung der Blattfleckung, sowie im Habitus doch recht deutlich unterscheiden.

In jüngster Vergangenheit wurde eine weitere Population markant leuchtend rosablütiger Exemplare im Loisachtal entdeckt, die neben der auffallenden Blütenfarbe eine farblich zwar schwache, aber dichte, punkt- bis strichförmige, einseitige Fleckung der Blätter aufweist. Diese Population ist in den Merkmalen der Blütenfärbung und Blattfleckung sehr konstant und blüht ein wenig vor den "normalen" D. incarnatas im selben Biotop.

Offenbar ist irgendwo in der DNA dieser Art das Merkmal der Blattfleckung noch genetisch verankert, oder durch Einkreuzung geflecktblättriger Arten hinzugekommen und tritt sporadisch hier und da zu Tage.
Um ein umfassenderes Bild über diese Erscheinungen zu erhalten, wäre es wünschenswert, dieses Phänomen etwas stärker im Auge zu behalten und farblich auffallende, sowie auch eventuell gefleckte Pflanzen zu kartieren und den jeweiligen AHO- Kartierungsstellen zu melden!
Population der hellrosa blühenden und einseitig gefleckten D. incarnata inmitten "normal"- gefärbten Pflanzen. Doch leider ist eben diese Vorkommen unter Umständen aufgrund des geplanten Baus des sogenannten "Spaladin" bei Geretsried gefährdet - 09.06.2008 Foto: U. Grabner Habitus der hellblütigen Pflanzen - 26.05.2008 Foto: U. Grabner Blüten der hellblütigen Pflanzen - 28.05.2008 Foto: U. Grabner
Ein kläglicher Rest - mittlerweile erloschenes Vorkommen innerhalb eines Autobahn-Zubringers. Wird die Mahd noch vor der Fruchtreife durchgeführt, hat D. incarnata und viele weitere potentielle Arten der Streu- und Feuchtwiesen auf längere Sicht keine Chance - Starnberg, 05.06.2005 Foto: U. Grabner
Hangmoor östlich des Starnberger Sees mit großen Beständen der Fadenbinse - ein Zeiger für etwas bodensauren Untergrund - 12.06.2005 Foto: U. Grabner
Eine Honigbiene mit Pollinien wurde von der Veränderlichen Krabbenspinne (Misumenia vatia) mit einem Biss hinter den Kopf erbeutet - Geretsried, 26.05.2008 Foto: U. Grabner
Uwe Grabner

Literatur:

  • AHO-Bayern e.V. (2005) Orchideen in Bayern

  • HENNECKE, M. (2002) Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. 19 (2): 33-69; 2002 [publ. 2003] Verbreitung europäischer Orchideen in Asien mit einem Anhang über die Verbreitung weiterer Orchideen in der GUS

  • PRESSER, H. (2000) Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen, Landsberg/Lech S.100-107

  • WOLF, C. (2000) Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. Beih. 5: 45-73; 2000 Jubiläumsschrift der 25-Jahr- Feier des AHO Bayern e.V.
    Lebensräume der Orchideen in den Waldgebieten Bayerns
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