Übersehene Ständelwurz
Epipactis neglecta
(KÜMPEL) KÜMPEL (1982)


Abb. 1
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP



Abb. 2
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP



Abb. 3
Deutschland, Bayern, Dollnstein., 09.07.2015
Foto: HP
KÜMPEL HORST (1982): Zur Kenntnis von Epipactis leptochila (GODF.) GODF. – Mitteilungen des Arbeitskreises „heimische Orchideen“ 11: 29 – 36.
Die Sippe wurde zuerst im Unterartrang beschrieben (s.o.), dann vom selben Autor in den Artrang erhoben (s.u.).
KÜMPEL HORST (1996): Die wildwachsenden Orchideen der Rhön. Lebensweise, Verbreitung, Gefährdung, Schutz. – Jena: 67.
Typus(Neotypus):
Deutschland (Thüringen): Am Kahlen Berg bei Herpf (Kreis Schmalkalden- Meiningen), leg. H. KÜMPEL (20. Juli 1985), JE (JE-00005613).
Aus Naturschutzgründen wurde bei der Neubeschreibung (am Altenstein bei Bad Liebenstein) kein Typusexemplar gesammelt (KÜMPEL 1982: 31). Das wurde später nachgeholt, indem eine Pflanze, die durch die Folgen eines Bruchschadens am Kahlen Berg bei Herpf beschädigt worden war, gesammelt und im Herbarium Haussknecht (JE) hinterlegt wurde (KÜMPEL 1986: 58). Am Altenstein ist die Sippe heute verschollen.:

Syn.:
Epipactis leptochila subsp. neglecta KÜMPEL, Mitt. Arbeitskr. Heim. Orchid. DDR 15: 58 (1986, publ. 1987) Epipactis leptochila subsp. neglecta KÜMPEL, Mitt. Arbeitskr. Heim. Orchid. DDR 11: 30 & 31 (1982) nom. inval. Epipactis leptochila var. neglecta (KÜMPEL) A. GÉVAUDAN, Natural. belges 80 (Orchid. 12): 367 (1999) nom. inval. Epipactis leptochila var. neglecta (KÜMPEL) A. GÉVAUDAN, Natural. belges 83 (Orchid. 15): 30 (2002) Epipactis viridiflava U. LÖWE, Bauhinia 4: 87 (1968) Epipactis leptochila var. praematura KRÖSCHE, Feddes Repert. 26: 91 (1929). nom. illeg.
Etymologie:
Das Unterart-Epitheton bedeutet unbeachtet, vergessen oder vernachlässigt und verweist auf die Tatsache, dass die Sippe lange Zeit übersehen wurde.

Wuchs und Größe :

mittelgroße Pflanze, (15) 25 - 35 (55) cm hoch, selten auch kleiner oder größer

Stängel:

mittlere Stärke, grün, im basalen Teil schwach, weiter oben etwas stärker flaumig behaart, grün;
meist einzeln stehend, gelegentlich zu zweit, seltener zu dritt oder zu viert

Blätter:

meist zweizeilig angeordnet,
Niederblätter
0-1, manschettenförmig; nach der Originalbeschreibung „(3) 4-6
Laubblätter
folgender Größe: 4,5 x 2 cm, 8 x 3,5 cm, 9 x 3,3 cm, 9,7 x 3,2 cm, 9,5 x 2,5 cm, 9 x 1,5 cm, dunkelgrün, m.o.w. hängend und schlaff“ (letzteres kommt auch am locus typicus selten vor, sie stehen dort meist schräg aufwärts und haben oft einen leicht gewellten Rand, die Färbung ist auch oft hellgrün);
Hochblätter
0-1, lanzettlich bis schmal lanzettlich, zugespitzt

Blütenstand:

relativ lang, locker, ein Drittel bis die Hälfte der Pflanzenhöhe einnehmend, m.o.w. einseitswendig, (4) 10 - 20 (35) Blüten; Spindel kurz flaumig weißlich behaart

Fruchtknoten und Stiel:

grün, länglich und schlank, schwach behaart; Blütenstiel normalerweise grün
Tragblätter:

dunkelgrün, lang zugespitzt; die unteren die Blüten sehr weit überragend, die oberen viel kürzer und schmaler; waagerecht abstehend bis herabhängend

Blüten:

mittelgroß (zierlicher als bei E. leptochila), selten waagrecht orientiert, meist leicht bis stärker hängend; in manchen Populationen öffnen sich die Blüten kaum oder gar nicht, normalerweise aber weit geöffnet; Knospen spitz eiförmig, oft fast waagerecht stehend
Bestäubung autogam, in manchen Populationen sind frische Blüten allogam

Sepalen:

grün, Originalbeschreibung 10-12 x 4-5 mm teils leicht violett überlaufen; schmal, zugespitzt; Größe nach der

Petalen:

weißlich-grün, oft vor allem am Rand rosa angehaucht; in der Form ähnlich wie die Sepalen; Größe nach der Originalbeschreibung „8-10 x 4-4,5 mm“

Hypochil:

eher flach, länglich, seitliche Ränder oft in der Mitte leicht absinkend, gewöhnlich etwas Nektar führend; nach der Beschreibung „rotbraun bis braun-violett“, nach unseren Erkenntnissen hell- bis dunkelbraun, selten grün
Durchgang zwischen Hypo- und Epichil: eng, teils berühren sich die Ränder („schlüssellochförmiger“ Durchgang); Kragen je nach Population variabel, meist am Eingang breit, schnell verschwindend

Epichil/Kalli:

normalerweise länger als breit, zugespitzt; Spitze fast immer nach unten gebogen, teils auch seitlich verdreht, Größe nach der Originalbeschreibung „5-5,5 x 4-4,5 mm, weiß mit gelbgrünem Rand und grüner Spitze, an der Basis und entlang der Nervatur purpurn gezeichnet, ohne oder nur mit angedeuteten Basalhöckern“; je nach Population auch fast ohne Seitenkalli, normalerweise ein deutlicher Mittelkallus, links und rechts davon oft ein weiterer Längskallus; manchmal das ganze Epichil, häufig nur die Kalli rosa überlaufen;

Gynostemium:

Klinandrium und Rostellum meist normal entwickelt, Viscidium in vielen Populationen vorhanden aber bestenfalls in der frischen Blüte funktionsfähig und schnell eintrocknend; Narbe oval (L.c.) bis rechteckig; Anthere nach der Beschreibung sitzend (doch auch in der Typus-Population teils gestielt), Pollinien bröselig, anfangs häufig auch kompakt

Blütezeit:

früh und kurz blühend, (E6) A – M7 (M8), kurz vor E. leptochila
Verbreitung

Gebiet:

bisher sicher noch nicht komplett bekannt: hügelige und bergige Bereiche in Mitteleuropa, des Weiteren gemeldet aus Großbritannien, Belgien, Frankreich (bis zur Normandie), der Slowakei, Ungarn, Italien, Kroatien, Serbien und Nordgriechenland

Höhe:

300 - 1700 m


Stand 2017
Verbreitungsgebiet
Kartenquelle: www.mygeo.info
Standort

Boden:

trockene bis frische, kalkhaltige Böden, besonders in humusreichen und schottrigen Bereichen mit ausreichend Feuchtigkeit zur Blütezeit, halbschattig bis schattig

Exposition:

alle Himmelsrichtungen, meist in Hanglage

Biotoptyp:

in unterwuchsarmen Buchen(misch)wäldern, sowohl an kühlen als auch an ausgesprochen warmen Stellen gern auf kleinen Lichtungen oder in Waldrandbereichen, luftfeucht

Variabilität:
Meistens ist die Variabilität innerhalb einer Population sehr gering (wenige Ausnahmen), zwischen den einzelnen Populationen in manchen eng begrenzten Gebieten jedoch deutlich. Dies betrifft nicht nur die Färbung (m.o.w. rosa oder violett überlaufene Blüten), sondern auch die Form der Blüten (längeres oder kürzeres, breites oder schmales Epichil, m.o.w. zurückgeschlagen; Durchgang enger oder weiterer). Es gibt auch Pflanzen, die sich in der Blüte E. leptochila annähern, sogar fast eine Mittelstellung einnehmen. Ein Viscidium kann fehlen oder vorhanden (sogar kurzfristig funktionsfähig) sein. Habituelle Unterschiede wie die Blattstellung, -größe und - farbe sind dagegen meist individuell zu beobachten, häufig auch standortbedingt.
Verwechslungsmöglichkeiten:
Die Sippe unterscheidet sich von vielen Arten durch ihre Autogamie, von vielen autogamen Arten durch einen höheren Wuchs. Sie steht optisch und ökologisch etwa zwischen Epipactis helleborine und Epipactis leptochila.
Von Epipactis leptochila unterscheidet sie sich durch etwas dunkleres Blattwerk, eine etwas frühere Blütezeit, zierlichere Blüten (besonders im direkten Vergleich der Säule gut sichtbar) sowie durch eine gelegentlich vorhandene Rostelldrüse (Viscidium). Das Epichil von E. leptochila ist am Rand grün und hochgeschlagen, meist gerade vorgestreckt statt zurückgeschlagen. Der Durchgang zum Hypochil ist breiter (V-förmig). Kleistogame Populationen sind bei E. leptochila deutlich häufiger, diese Sammelart besiedelt auch dunklere Standorte. Die Anthere ist fast immer gestielt. Epipactis helleborine wird oft kräftiger mit großflächigeren Laubblättern aber fast immer deutlich kürzeren unteren Tragblättern. Sie besiedelt etwas hellere Bereiche und hat meist etwas größere Blüten. Der Blütenstiel ist i.d.R. an der Basis violett gefärbt. Das Epichil ist breiter als lang statt umgekehrt, das Hypochil innen meist dunkler. Ein funktionierendes Viscidium ist fast immer vorhanden (oder die Pollinien fehlen bereits).
Epipactis naousaensis
ist ähnlich, jedoch in der Regel kräftiger, hat größere Blüten und blüht bei gemeinsamen Vorkommen in Nordgriechenland und Italien etwas später.
Besonderheiten
Sterile Exemplare sind sehr selten.

Problematik
Die Verwandtschaftsverhältnisse sind noch recht unklar. Epipactis neglecta wirkt wie ein Bindeglied zwischen E. helleborine und E. leptochila. Es ist jedoch eine unabhängige Entwicklung (vermutlich eine Weiterentwicklung der E. helleborine) anzunehmen, da die Blüten in allen Teilen zierlicher als die der anderen beiden Arten sind. Es scheint auch so, dass diese Entwicklung häufiger und an verschiedenen Stellen stattgefunden hat, wodurch die große Variabilität zwischen den Populationen erklärbar wäre. Auch das zersplitterte Areal weist darauf hin. Insgesamt wirkt die Sippe eher wie ein Konglomerat vieler eng verwandter Sippen, man könnte sie als „Sammelart“ bezeichnen.
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Abb. 4
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 5
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 6
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 7
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 8
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 9
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 10
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 09.07.2015
Foto: HP

Abb. 11
Deutschland, Bayern, Walting, 13.07.2014
Foto: HP

Abb. 12
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 09.07.2015
Foto: HP

Abb. 13
Deutschland, Bayern, Neumarkt, 2107.2010
Foto: HP

Abb. 14
Deutschland, Bayern, Beilngries, 18.07.2015
Foto: HP

Abb. 15
Großbritannien, Oxfordshire, Oxford, 02.08.2002
Foto: HP

Abb. 16
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 17
Großbritannien, Oxfordshire, Oxford, 02.08.2002
Foto: HP

Abb. 18
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

Abb. 19
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 20
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 21
Österreich, Kärnten, Launsdorf, 05.08.1989
Foto: EG

Abb. 22
Österreich, Kärnten, Launsdorf, 05.08.1989
Foto: EG

Abb. 23
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 24
Deutschland, Bayern, Beilngries, 18.07.2015
Foto: HP

Abb. 25
Deutschland,Baden-Württemberg, Ehningen, 10.07.2010
Foto: UG

Abb. 26
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

Abb. 27
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 28
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 29
Österreich, Kärnten, Launsdorf, 05.08.1989
Foto: EG

Abb. 30
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 31
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 32
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 33
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 34
Deutschland, Bayern, Walting, 13.07.2014
Foto: HP

Abb. 35
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 09.07.2015
Foto: HP

Abb. 36
Deutschland, Bayern, Walting, 13.07.2014
Foto: HP

Abb. 37
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 38
Großbritannien, Oxfordshire, Oxford, 02.08.2002
Foto: HP

Abb. 39
Großbritannien, Oxfordshire, Oxford, 02.08.2002
Foto: HP

Abb. 40
Deutschland, Bayern, Kleinhüll, 26.07.2009
Foto: UG

Abb. 41
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 42
Deutschland, Bayern, Wellheim, 09.07.2015
Foto: HP

Abb. 43
Deutschland, Bayern, Neumarkt, 2107.2010
Foto: HP

Abb.44
Deutschland, Bayern, Neumarkt, 2107.2010
Foto: HP

Abb. 45
Deutschland, Bayern, Neumarkt, 2107.2010
Foto: HP

Abb. 46
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 47
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 48
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 49
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

Abb. 50
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

Abb. 51
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 52
Deutschland, Bayern, Walting, 13.07.2014
Foto: HP

Abb. 53
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 54
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 55
Österreich, Kärnten, Launsdorf, 05.08.1989
Foto: EG

Abb. 56
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 57
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 58
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 59
Österreich, Kärnten, Ulrichsberg, 24.07.2004
Foto: SH

Abb. 60
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

Abb. 61
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 62
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

Abb. 63
Deutschland, Bayern, Walting, 13.07.2014
Foto: HP

Abb. 64
Deutschland, Bayern, Walting, 13.07.2014
Foto: HP

Abb. 65
Großbritannien, Oxfordshire, Oxford, 02.08.2002
Foto: HP

Abb. 66
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 67
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 68
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 68
Deutschland, Bayern, Beilngries, 26.08.2011
Foto: HP

Abb. 69
Deutschland, Thüringen, Herpf, L.C., 17.07.2016
Foto: HP

Abb. 70
Deutschland, Baden-Württemberg, Schelklingen,17.07.1990
Foto: WW

Abb. 71
Deutschland, Bayern, Dollnstein, 20.07.1997
Foto: WW

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