Kleinblättrige Ständelwurz
Epipactis microphylla

(EHRHART) SWARTZ 1800


*Epipactis microphylla * (EHRHART) SWARTZ ;
Kongl. Vetenskaps, Academiens Nya Handlingar 21: 232 (1800).

Bas.: Serapias microphylla EHRHART, Beitr. Naturk. 4: 42 (1789)

Typus: Deutschland, Hannover, Braunschweig-Lüneburg

Syn.: Epipactis latifolia subsp. parviflora (PERSOON) K. RICHTER 1890


Abb. 1
Italien, Sardinien, Baunei, 31.05.2000
Foto: HP




Abb. 2
Italien, Sizilien, Monte Etna, Südseite, 16.06.2001
Foto: HP




Abb. 3
Griechenland, Pindus, Kallithea, 05.06.2000
Foto: HP
Etymologie:
microphylla: kleinblättrig
parviflora: kleinblütig

Wuchs und Größe :

(10) 15 – 40 (55) cm, Triebe in der Regel einzeln, seltener zu zweit oder in Gruppen

Stängel:

steif, hellgrün, graugrün bis violettgrün, bei jungen Pflanzen in der Südtürkei kräftig violett, hell graufilzig behaart

Blätter:

3 – 6 (9) auffallend kleine, 3,5 (- 5) cm lange Laubblätter, meist kürzer als die Internodien, je nach Sonneneinstrahlung schräg aufwärts stehend bis waagrecht und leicht überhängend; graugrün bis grün, oft etwas violett überlaufen (stärker v.a. auf der Unterseite), besonders im Austrieb bis zur Blütezeit; breit eiförmig bis lanzettlich, zugespitzt, m.o.w. gekielt; 1 – 3 hochblattartige Blätter, meist waagrecht angeordnet oder leicht hängend

Blütenstand:

oft einseitswendig mit (1) 4 – 20 (30) Blüten, Spindel dicht und stark behaart

Fruchtknoten und Stiel:

stark hell behaart, grün bis graugrün;
Stielchen rötlich, oft aber auch grün ohne Violett

Tragblätter:

18 – 20 x 3 – 4 mm spitz lanzettlich, länger als der Fruchtknoten

Blüten:

(1) 4 – 20 (30), klein; glockig bis (seltener) weit geöffnet, seltener kleistogam (beispielweise bei ausbleibendem Regen); abstehend – nickend

Bestäubung bei frischer Blüte normalerweise kurze Zeit allogam, dann autogam

Sepalen:

länglich eiförmig, gekielt, außen behaart, meist innen und außen grün, seltener innen rötlich überlaufen; 7 – 9 x 3 – 4,5 mm

Petalen:

6 – 8 x 3 – 4 mm; weißlich grün bis kräftig rosa, außen mit grüner, behaarter Mittelleiste

Hypochil:

klein und kugelig, Rand oben etwas zusammengezogen; außen weiß mit rosa Anflug bis leicht grünlich; innen grünlich bis gelblich oder hell bräunlich, wenig Nektar führend

Durchgang zwischen Hypo- und Epichil:

mittelbreit, m.o.w. U-förmig, weißlich

Epichil/Kalli:

Epichil herzförmig, am Rand gekerbt, weißlich grün;
Kalli kräftig, gewöhnlich gegliedert, stark zerklüftet, weißlich

Gynostemium:

Anthere sitzend, Rostellum vorhanden, Viscidium relativ klein und anfangs meist funktionsfähig, jedoch schnell eintrocknend, Narbenrand tief liegend, sodass der bröselige Pollen beinah ungehindert auf die Narbenfläche gelangen kann.

Blütezeit:

je nach Meereshöhe und Exposition (A) E 5 – M7 (A 8), sehr früh blühend, normalerweise die erste blühende Epipactis-Art im Biotop



Variabilität:

Die Art variiert relativ wenig hinsichtlich des Habitus. Die violette Tönung ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Stellenweise kommen Populationen vor, deren Blüten sich kaum oder gar nicht öffnen, v.a. in trockenen Jahren. Die Blütenfarbe ist in der Population meist einheitlich, ansonsten aber variabel, die meisten Exemplare zeigen eine relativ grüne Ausprägung.
Interessant und offenbar äußerst selten ist die var. nuda Irmisch (1846), die sich durch das komplette Fehlen der Behaarung auszeichnet. Am Loc. typ. dieser Varietät gibt es auch heute noch Epipactis microphylla, allerdings wurden in neuerer Zeit offenbar keine unbehaarten Exemplare mehr gefunden.

Es wurde auch eine var. glabrescens Velenovski (1902) beschrieben. Dieser Name bezeichnet möglicherweise eine spärlich behaarte Pflanze, oder aber es handelt sich um ein Synonym zu var. nuda.


Verwechslungsmöglichkeiten:


Epipactis kleinii auf der Pyrenäenhalbinsel und
E. subclausa in Griechenland besitzen noch kleinere Blüten mit kaum zugespitztem Epichil, die Blätter sind größer.Außerdem kommt eine violette Färbung der vegetativen Teile sehr viel häufiger vor.


Verbreitung


Gebiet:

sehr weit verbreitet: Europäisches Mittelmeergebiet, von S-Spanien über Frankreich bis ins mittlere Deutschland, über die Karpaten bis in die Türkei, Krim, Kaukasus bis N-Iran, auch auf den größeren Inseln des Mittelmeers.


Höhe:

2 - 1800 m







Stand 2010
Verbreitungsgebiet
Kartenquelle: www.mygeo.info

Abb. 4
Kroatien, Südseite der Insel Pag im Steineichenwald, Meereshöhe, 20 m vom Meer entfernt, 03.09.2010
Foto: HP
Standort

Boden:

basische, meist kalkhaltige Böden, seltener auf silikatischem Untergrund, teils sehr steinig; in niederschlagsreicheren Gebieten an trockenen Stellen, ansonsten eher auf frischeren oder wasserhaltenden Böden, selten feucht oder gar nass an Bachrändern

Exposition:

jede

Biotoptyp:

relativ wärmeliebend; in lichten Eichen-, Steineichen- und häufiger in Kiefernbeständen, in Mitteleuropa besonders in Buchenwäldern, selten in auwaldähnlichen Biotopen;  meist halbschattig bis schattig, selten sonnig; auch an Straßenrändern an abgeschobenen oder aufgeschütteten Stellen, in Straßengräben, teils grasig, teils im Laub oder auch gern an vegetationslosen, unbedeckten Stellen

Besonderheiten

Wie die meisten Epipactis-Sippen zeigt auch diese Art einen nahezu hundertprozentigen Fruchtansatz. Es muss mangels bekannter Bestäuberbeobachtungen davon ausgegangen werden, dass eine Fremdbestäubung in der Regel ausbleibt, die Pollinien durch Zerfallen den oberen Rand der Narbe erreichen und die Befruchtung so gesichert ist. Die Blüten riechen allerdings stark und angenehm nach Gewürznelken.
Vermutlich sind in manchen Gegenden die Viscidien nicht funktionsfähig bzw. die Pollinien sind schon beim Aufblühen bröselig und können nicht als Ganzes entnommen werden.
Offenbar befindet sich E. microphylla gerade im Übergang von einer allogamen zur autogamen Art. Einige Merkmale, wie die starke Behaarung der Spindel und des Fruchtknotens (Erhöhung der Auffälligkeit), die stark gefurchten Kalli auf dem Epichil (guter Halt für landende Insekten) und Struktur der Säule (Narbenfläche m.o.w. parallel zur Fruchtknotenachse ausgerichtet und somit von den Pollinien eher entfernt) sowie der Duft (Anlocken diverser Insekten) entsprechen insektenbestäubten Arten.
Andererseits weisen die meist wenigen, oftmals nickenden und wenig geöffneten Blüten und der sehr hohe Fruchtansatz auf ein hohes Maß Autogamie hin.

Extrem selten sind sterile Exemplare.

Chlorophyllarme oder gar -frei Pflanzen kommen ebenfalls sehr selten vor, sie sind dann m.o.w. rosa (analog zu Ep. purpurata "lus. rosea").

Eigene Aussaat-Beobachtungen (HP) ergaben für 2 Stellen nach 10 Jahren je eine blühende Pflanze.


Problematik
-


Abb.: 5
Deutschland, Jena, Buchenwaldtälchen, südexponiert, 11.05.1993
Foto: HP

Abb.: 6
Kroatien, Istrien, Vrh 05.06.2006
habschattiger Standort am grasigen Wegesrand, leicht beschattet durch junge Eichen, vergesellschaftet mit Epipactis latina, Listera ovata im weiteren Bereich Orchis militaris, Gymnadenia conopsea s.l. und Ophrys tetraloniae
Foto: UG

Abb.: 7
Frankreich, Provence,
gepflügte Eichenkulturen (Trüffel), vergesellschaftet mit E. provincialis, E. tremolsii und Ceph. rubra
Foto: HP

Abb.: 8
Frankreich, Provence, Roussillion ,
im sandigen Kiefernwald
Foto: HP

Abb.: 9
Italien, Sizilien, Monte Etna, Südseite, Esskastanienwald auf grusiger Lava, vergesellschaftet mit Dact. romana und E. meridionalis, 16.06.2001
Foto: HP

Abb.: 10
Griechenland, Peloponnes, Taigetos, sonnige Wegböschung im Tannenwald auf 1000 m ü.d.M., 17.06.2000
Foto: HP

Abb.: 11
Frankreich, Luberon, Lourmarin, Bachtal nach Süden ausgerichtet, in nassem Kalksinter, vergesellschaftet mit E. fageticola, 24.6.2000
Foto: HP

Abb.: 12
Kroatien, Insel Cres, Pinienaufforstung, vergesellschaftet mit E. muelleri und List. ovata, 09.05.2002
Foto: HP

Abb.: 13
Griechenland, Ossa – Pelion, 30.05.2010
Foto: HP

Abb.: 14
Italien, Sierra San Bruno, Ferdinandea, Asphalt, 8.7.2000
Foto: HP

Abb.: 15
Italien, Portofino, 24.05.1994
Foto: HP

Abb.: 16
Türkei, Akseki 03.06.2008
Infloreszenz
Foto: EG

Abb.: 17
Frankreich, Luberon, Lourmarin, 24.06.2000, sterile Exemplare zur Blütezeit
Foto: HP

Abb.: 18
Griechenland Taigetos, 02.06.2012
Foto: Tsiftsis Spyros

Abb.: 19
Azerbaidschan Kuba 29.05.1996
Habitus
Foto: EG

Abb.: 20
Georgien, Nekresi 03.06.1996
Habitus
Foto: EG

Abb.: 21
Zypern Lagoudhera 16.05.90
Habitus kleistogam
Foto: EG

Abb.: 22
Italien, Sizilien, Monte Etna, Südseite, 16.06.2001
Foto: HP


Abb.: 23
Österreich, Burgenland, Rechnitz 14.08.2008
sehr später Nachzügler;
Biotop: schattiger bis lichter Hainbuchenbestand mit Cyclamen purpurascens, Epipactis helleborine, Epipactis voethii
und Cephalanthera rubra
Foto: UG


Abb.: 24
Türkei, Akseki 03.06.2008
Infloreszenz
Foto: EG

Abb.: 25
Frankreich, Var, Col de Gratteloup 01.06.1998
Foto: WW

Abb.: 26
Slowakei, Ilava 25.07.1998
Foto: WW

Abb.: 27
Italien, Potenza, Moliterno, 13.6.06, schwach behaarte Variante (var. glabrescens?)
Foto: HP

Abb. 28
Griechenland, Pindus, Kallithea, 05.06.2000
Foto: HP

Abb. 29
Frankreich,Var, Toulon 27.05.2007
Foto: UG

Abb.: 30
Zypern Lagoudhera 16.05.90
Infloreszenz kleistogam
Foto: EG


Abb. 31
Deutschland, Bayern, Forchheim, 06.07.1998
Foto: HP


Abb.: 32
Frankreich, Luberon, Lourmarin, 24.6.2000
Foto: HP

Abb.: 33
Italien, Sizilien, Monte Etna, Südseite, 16.06.2001
Foto: HP

Abb.: 34
Kroatien, Istrien, Vrh 05.06.2006
obere Blüte offenbar bereits durch Insekt bestäubt
Foto: UG

Abb.: 35
Griechenland, Ossa – Pelion, 30.05.2010
Foto: HP

Abb. 36
Italien, Sardinien, Baunei, 31.05.2000
Foto: HP

Abb. 37
Italien, Sardinien, Baunei, 31.05.2000
Foto: HP

Abb.: 38
Kroatien, Istrien, Vrh 05.06.2006
Foto: UG


Abb. 39
Herbarbeleg;

links Epipactis microphylla var. nuda IRMISCH,
rechts zum Vergleich E. microphylla var. microphylla
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Herbarium Hausknecht Jena (JE)
Foto: Jürgen REINHARDT


Abb. 40
Herbarbeleg;

Epipactis microphylla var. nuda IRMISCH,
Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Herbarium Hausknecht Jena (JE)
Foto: Jürgen REINHARDT

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